Selbst ist der Künstler!


Autodidakten-Kunst.047

Bild: Gerhard Klarmann

Autodidakten in der Malerei – Es ist mal wieder Zeit, dass für Autodidakten eine Lanze gebrochen wird. Dieser Beitrag versucht sich daran und stellt gleich zu Beginn eine Quizfrage. Außerdem erfahren wir Interessantes über Schubladen, Schlamassel und Erfolge.

Man könnte diese Schrift mit der Quizfrage beginnen, was die Künstler William Turner, Carl Spitzweg und Vincent van Gogh gemeinsam haben? Oder Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst und Francis Bacon?

Richtig, es handelt sich um Maler, genauer um Kunstmaler des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt aber noch eine weitere wesentliche Gemeinsamkeit: sie alle sind – Irrtum vorbehalten –: Autodidakten. Ein Begriff, der heute in der Gesellschaft allgemein und im Kunstbetrieb im Besonderen tendenziell eher gering- als wertschätzende Begleitvorstellungen weckt.

Schubladen

Es geht aber noch weiter: Für künstlerische Arbeiten von Autodidakten stehen die Schubladen „Naive Kunst“, „Art brut“ oder „Outsider Art“ einladend offen. „Laienmaler“ ohne akademische Ausbildung, die in ihren Werken auf Perspektive, Schatten und anspruchsvolle Bildmotive verzichten würden, seien zum Beispiel die Urheber Naiver Malerei.

Wie bekannt, gibt es die Stilrichtung „Naive Kunst“ tatsächlich, und sie muss sogar die genannten Kriterien erfüllen, um als solche zu gelten. Nur, Autodidakten produzieren selbstredend nicht zwangsläufig Naive Kunst, sondern arbeiten ebenso wie akademisch gebildete Maler auch zeitgenössisch modern.

Autodidakt oder Laienkünstler?

Zunächst jedoch sollen zwei Begriffe erklärt werden: „Autodidakt“ ist, wer sich sein Wissen und seine Fertigkeiten selbst angeeignet hat. „Laienkunst“ definiert der Duden als „nicht berufsmäßig ausgeübte“ Kunst. Das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland meint dagegen auf seiner Website, solche Werke seien „ohne akademische Vorbildung“ geschaffen.

Folgt man der Definition des Dudens, dann kann der Autodidakt zugleich Laienmaler sein, also jemand, der die Malerei nicht beruflich ausübt, muss es aber nicht sein. Legt man die Definition des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zugrunde, dann wäre ein Autodidakt immer auch künstlerischer Laie – ein Laienkünstler. Wenn beide Definitionen zugleich gelten würden, dann bliebe die provokante Frage dahingestellt, ob ein akademisch ausgebildeter Künstler, der sich zwar künstlerisch betätigt, aber eben nicht beruflich, nun als Laie gelten soll oder nicht.

Ein Dilemma

Trotzdem, wir befinden uns in einem zweiten Dilemma der Autodidakten, denn auch der Ausdruck „Laie“ ist wie der Begriff „Autodidakt“ oft negativ verhaftet. Laien werden einer gängigen Vorstellungswelt nach keine oder höchstens nur geringe Fachkenntnisse zugeschrieben. Gegebenenfalls denkt man an Dilettanten, bestenfalls an Amateure.

Ein schöner Schlamassel, und das alles nur, weil dem Autodidakten in der Regel das akademische Diplom versagt bleibt. Was manche wiederum zur Frage antreibt, ob Autodidakten überhaupt Künstler sein können? – Die Quizfrage am Anfang dürfte die passende Antwort bereits vorweg genommen haben. 

Gibt es eine Lobby?

Man könnte noch einwerfen, Autodidakten hätten zumindest keine Lobby oder würden gar beim Publikum kein oder kaum Interesse finden – doch womöglich täuscht man sich. Zwar sind Autodidakten bei den meisten Galeristen kaum gefragt, doch es gibt Galerien, die ihren Schwerpunkt auf die Kunst von Autodidakten gesetzt haben. In München gab es beispielsweise über 40 Jahre lang die Galerie für „Kunst der Autodidakten“. Laut merkur-online.de hatte einst Gunter Sachs dem Münchner Sammler Hans Holzinger den Tipp gegeben, Werke von Künstlern ohne Ausbildung zusammenzutragen. Standort- und Altersgründe sollen für die Schließung der Galerie im Frühjahr 2015 verantwortlich gewesen sein.

Erfolge

Dass das Publikum durchaus etwas für Autodidakten oder Laienkünstler übrig hat, beweisen immer wieder auch zahlreiche Ausstellungen. Einen Besucheransturm zur Laienschau „Rostock kreativ“ meldete Anfang März 2015 das Internetportal der Ostsee-Zeitung. 2000 Besucher sollen bereits am Eröffnungstag in die Rostocker Kunsthalle geströmt sein, um die Arbeiten von über 700 Laienkünstlern in Augenschein zu nehmen. 

Im April 2013 schließlich erlebte die neue Kunsthalle der Deutschen Bank in der Berliner Charlottenstraße nicht nur einen Ansturm der Autodidakten, sondern auch einen der Besucher. Der tagesspiegel.de berichtete, dass sich jeder – egal ob Künstler oder Hobbymaler – an der 24-Stunden-Ausstellung „Macht Kunst“ zur Neueröffnung der Kunsthalle mit einem Bild beteiligen durfte – und kein Künstler soll abgewiesen worden sein, sofern das Maß von zwei mal zwei Meter nicht überschritten wurde. Am Ende kamen über 6000 Besucher in 24 Stunden.

Das Museum Folkwang in Essen zeigt vom 2. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016 die Ausstellung „Der Schatten der Avantgarde – Rousseau und die vergessenen Meister“ – Bilder von Autodidakten wie zum Beispiel Henri Rousseau oder André Bauchant werden den Werken moderner Maler wie Paul Gauguin oder Pablo Picasso gegenübergestellt. 

In Frankfurt am Main lobt die Frankfurter Sparkasse seit 40 Jahren einen Hobby-Malwettbewerb aus. 100 Bilder daraus stellt das Geldinstitut schließlich alljährlich in ihrer Galerie aus. 

Doch auch regional finden immer wieder große und kleine Kunstausstellungen von Laienkünstlern statt. Die lokalen Medien berichten regelmäßig von angenehm überraschten oder sogar tief beeindruckten Besuchern ob der Kreativität und Professionalität der ausstellenden Laienkünstler.

Der Status des Autodidakten

Dass der Status des Autodidakten durchaus attraktiv zu sein scheint, bewies der Künstler Norbert Tadeusz, einst Studierender an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und Meisterschüler von Joseph Beuys. Tadeusz beharrte trotz akademischer Bildung darauf, Autodidakt zu sein, wie der Deutschlandfunk 2010 berichtete. Und dann war da noch Pablo Picasso, dem das Zitat zugeschrieben wird, „in einem gewissen Maß“ seien doch alle Autodidakten. kj

Duden, Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, merkur-online.de, Ostsee-Zeitung.de, tagesspiegel.de, Museum Folkwang, Deutschlandfunk


Kommentare

G. Weiland Asbach, 17.03.2016
Wunderbarer Artikel
Nach meinen Vorstellungen
Und Empfinden geschrieben

W. R. Eßmann, 12.10.2015
Viele Kunstschätze kämen an die Öffentlichkeit, wenn die Autodidakten eine Lobby hätten. Anerkennung wird gesucht u. keine Fantasiepreise
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